Lebenszeichen aus Marx(Saratow)

 

Saratow, den 18. Juni 2017


Liebe Freunde, Verwandte und Wohltäter in Deutschland!
Es ist eine Ewigkeit her, dass ich einmal einen solchen Brief geschrieben habe. Ich werde die „Du“-Anrede für alle verwenden, dann ist es stilistisch einfacher. Der Versand über meine Eltern ist nicht mehr möglich. Dennoch ist Hilfe wie eh und je nötig, Verbindung, Freundschaft, materielle Unterstützung und immer wieder echtes Gebet – vertrautes Gespräch mit dem Herrn über das, was bewegt. Darum bitte ich Euch, wenn es Euch sinnvoll erscheint, diesen Brief auch weiterzugeben, besonders an jene, die schon früher meine „Rundbriefe“ bekommen haben.


Dass mein letzter Brief an Euch lange her sein muss, spüre ich auf interessante Weise: Ich bin älter geworden. (-: Ich hatte mit Ärzten zu tun. Das ist aber zum Glück wieder vorbei. - Heranwachsende Jugendliche äußerten mir gegenüber: „Wir haben gehört, dass Sie jetzt schon nicht mehr so viel reisen.“ Ich bewies ihnen mit meinem Kalender das Gegenteil. – Manchmal schiebe ich einen freien Tag dazwischen. – Ich sehe meine Grenzen deutlicher als vor Jahren, möchte „Bruder“ sein und werde als „Vater“ gesucht. Das Leben ist schön, aber auch schwer. (Für die drei Worte nach dem Komma werde ich pseudopsychologisches Getuschel und Ratschläge ernten. Nobody is perfect. – Es ist eben keiner vollkommen.)
Seit ein paar Jahren leben wir in einer stark veränderten Welt. Sie scheint gekippt zu sein, wie eine Waage. Wir erleben Ent-Täuschungen in der naiven Hoffnung, dass es die letzten sein mögen. Glaube erweist sich zumindest in der Praxis auch bei Gläubigen als Nebensache. „Hauptsache …“ – Was?
Hauptsache und Alltag dürfen nicht zu weit auseinander liegen, sonst wird das Leben zum Rollenspiel. Eben dieses "Theater" finde ich an Straßenecken und an runden Tischen, und - ich möchte es lieber nicht sagen - auch zu Hause in der Kirche. Nicht immer, nein. Und davon möchte ich erzählen:
Eine Freude, die ich als Bischof (auch im 20. Jahr nach meiner Bischofsweihe) häufig erleben darf, sind die vielen guten Menschen in unserer Diaspora mit deren kleinen Gemeinden. Diese Leute werden nie irgendwo hin fahren, um hinter einem Rednerpult Zeugnis zu geben. Man muß zu ihnen kommen, um es zu sehen und mit beschämt-dankbarer Freude heimzukehren. Armut und Ausweglosigkeit rühren manchmal fast zu Tränen. Aber auch das Versprechen Jesu: "Wo zwei oder drei..." erweist sich in derartigen Stunden als wahr. Ein paar Beispiele solcher nicht abgeschlossener Begegnungen in Kürze:
Eine Frau wurde auf Arbeit gemobbt und kam in psychiatrische Behandlung. Nebenwirkungen der verschriebenen Medikamente ließen sie unbewusst in das hier weit ausgeworfene Netz von Kreditangeboten treten, aus dem sie ohne Super-Job nie wieder heraus kommen kann, nie. Lebensmüde Gedanken schlichen sich ein. Sie begann zur Kirche zu gehen und versuchte erstmals im Leben zu beten. Heute schrieb sie mir: "Mir scheint, mein Leben fängt noch einmal an." (Was nicht bedeutet, dass die materiellen Probleme gelöst sind.)
Einer älteren Frau, hier in der Stadt, scheinen die Kinder wegen ihrer Armut den Kontakt aufgekündigt zu haben. Möglicherweise ist sie schwer krank. Das Geld reicht nicht für die Untersuchungen. In einer unendlichen Warteschlange hofft sie auf kostenlose Analysen. Sie überlegt aber auch, ob sie ihre Wohnung verkaufen solle, denn eine dunkle Vermutung drängt zur Eile. Wir haben über eine Stunde zusammen gesessen und abgewägt. Zum Trost und im Ernst gab ich ihr zum Abschied zu verstehen, dass ich ihr Bruder sei. Die Wohnung wird jedenfalls nicht verkauft. (Als mich Weihbischof Weinhold 1978 in Dresden fragte, warum ich ins Priesterseminar gehen möchte, antwortete ich: "weil ich mich in der Kirche wie zu Hause fühle. Und das möchte ich vielen anderen weitergeben." Etwas von dieser Motivation ist bis heute geblieben.)
Die älteste Tochter eines verstorbenen Alkoholikers hatte im Leben wenig Glück. Jetzt ca. 30 Jahre alt, ist sie reif für eine Invalidenrente, die man ihr aber nicht geben will. Der Vater ihrer Kinder lebt bei einer anderen Frau. Auch zwei der drei Kinder sind oft und schwer krank. Sie hat keinen leichten Charakter. Das macht es schwer zu helfen. Ohne weiter ausführlich zu werden, weiß ich aber auch, dass sie stirbt, wenn es so weiter geht. Probiert mal zu sagen: "Man darf sich das nicht so zu Herzen nehmen." Auch sie ist unsere Schwester. Wir müssen zusehen, dass sie klare, schriftliche Diagnosen auf die Hand bekommt. (Das ist nicht einfach und nicht billig.) Dann könnte man sich notfalls gerichtlich um die Invalidenrente bemühen, sonst bleibt sie im nächsten Winter ohne Gas und Strom.
Und abermals sind es Frauen, die auch all das kurz Berichtete durch ihre Nähe mittragen: unsere Ordensschwestern aus dem In- und Ausland. Von Anfang an - das werden in ein paar Wochen schon 27 Jahre - helfen sie mir, hier Priester zu sein. Sie machen mich auf Dinge aufmerksam, die ich nicht sehe, haben mir gezeigt, wie Katechese bis "zu Herzen" gehen kann, arbeiten mit mir, schenken Freundschaft und haben eine klare Priorität: Christus. Einmal im Jahr versammle ich alle Ordensschwestern des Bistums zu einem nur für sie reservierten Treffen. Da geht es um Weiterbildung und Austausch, im Grunde aber um Dank, den sie mehr als verdient haben.
Männer tun sich schwerer mit dem Glauben, wie auch kürzlich eine Umfrage in Deutschland bestätigte. (An ein Leben nach dem Tod glauben sie nicht. Aber dem verstorbenen Altkanzler schreiben sie Briefe ins Kondolenzbuch.) Hinzu kommt in
Russland die überdurchschnittliche Unfähigkeit, Vater zu sein. "Über alle Berge" oder "unter dem Tisch" sind Klischees, die aber doch irgendwo ihren Ansatz haben.
Ein gegenteiliges Beispiel ist das unseres Hausmeisters der Pfarrei in Saratow. Ich kannte ihn schon vor seiner Hochzeit. Beide, er und seine Frau, haben Vorfahren in anderen Religionen und sind trotzdem ein überzeugend christliches Elternpaar, bei dem Hauptsache und Alltag (s.o.) zusammengehören.
Auch mein jetziger Generalvikar (engster Mitarbeiter des Bischofs) ist ein guter Mann, gebildet und fromm, sehr hilfsbereit und trotz seiner 20 Jahre in Russland noch nicht müde, Freund zu sein. Er stammt aus Argentinien, der Heimat von Papst Franziskus.
Was ist die wichtigste Aufgabe eines Bischofs? Wahrscheinlich sind es mehrere. Mir hat es keiner beigebracht, als ich ernannt wurde. Selbst zu den regelmäßigen Kursen für neugeweihte Bischöfe nach Rom, hat man mich übersehen. Abgesehen von dem, was man in Büchern lesen kann, scheint mir die Sorge (auch die Seelsorge) um die Priester von besonderer Bedeutung. Von den derzeit 50 Priestern im Bistum Sankt Clemens sind zwar nur fünf bei mir inkardiniert (fest dem Bistum zugehörig), trotzdem kann ich praktisch im Blick auf alle sagen: Ich habe gute Priester hier in Südrussland. Wahr ist, dass man den missionarischen Geist vor 20 Jahren deutlicher spüren konnte. Es war aber auch "leichter" damals. Der umgepflügte Boden ist schon wieder am Vertrocknen. Ich bin Papst Benedikt für das "Jahr des Priesters" (2009/2010) dankbar.
Auch bin ich es, der Projekte auf ihrem Weg an Sponsoren bestätigen muß, der in der Welt nach Messstipendien für die Priester sucht, die kein Gehalt bekommen, der in Krankheitsfällen helfen soll, der von Hilfswerken zum Predigen eingeladen wird etc. "Nimm Dir doch jemanden dafür", ist leicht gesagt. Stellt Euch vor, was es für eine erfrischende Wohltat ist, wenn man Vertrauen spürt, obwohl nicht alles "deutsch" funktioniert!
Obwohl wir gerade Sommerferien haben und die Kinder- und Jugendseelsorge obenan stehen, hat jemand von außen in einem alten Feuer geschürt, das mir nun wieder unter den Nägeln brennt: Ich bekam den Tipp, daß die Berufsschule direkt neben unserer Kirche in Marx geschlossen wurde. Häuser (Schule und zwei Wohnheime) würden demnächst zur Auktion freigegeben. "Sie wollten doch ein Altersheim bauen,...?" Ja, wollte ich, schon 1993 und immer mal wieder. Aber das braucht viel Kraft, Geld, Wissen,... Als Kirche in Russland dürfen wir kein medizinisches Personal anstellen. Auch die Caritas darf das nicht. Gesetz. Macht im Grunde nichts! Wir könnten ein Wohnheim für ältere Leute bauen, mit Palliativstation. Ärzte könnten wir rufen, wenn nötig. Hier könnte ich noch lange erzählen. Aber wird es überhaupt Sinn haben mitzusteigern, um drei dreistöckige Gebäude? (Anders bekommt man das Grundstück nicht.)
Langsam muß ich doch wohl zum Schluß kommen. Ich schreibe in letzter Zeit ganz selten Rundbriefe, aber fast jeden Tag kurz im Internet. Viele von Euch kennen das sogenannte Blog "Katholisch in Südrussland". Man kann es mit Suchmaschinen finden oder eintippen: www.kath-ru.blogspot.com Natürlich muß man mit solchen öffentlichen "Nachrichten" in verschiedener Hinsicht vorsichtig sein, nicht zuletzt im Blick auf sich selbst. Ist es doch sagenhaft, wie leicht unsere Finger auf der Tastatur zurecht kommen, und wie matt sie sich zum Beten falten.
Zuguterletzt muß ich noch tun, was ich früher nur zu gern vermieden hätte. Ich möchte auf den Sankt Clemens Verein hinweisen, den schnellsten und unkompliziertesten Weg, wenn es um Direkthilfe geht. Er wird von meinem Bruder Benno verwaltet:
St. Clemens e. V., Lilienweg 12, 37308 Heiligenstadt
IBAN DE 23 3706 0193 5004 9500 30
BIC GENODED1PAX
Danke allen, die auf irgendeine Weise die Verbindung zu mir und meinem Bistum zwischen Wolga und Don, zwischen Ural und Kaukasus halten! Es ist sehr schön, zur Familie Kirche zu gehören.
Mit herzlichen Grüßen,
Euer


Clemens Pickel

Pastoralkonferenz der Priester, Schwestern und Brüdern des Bistum Sankt Clemens, Astrachan, April 2017
Gast: Nuntius Celestino Migliore (Mitte)